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  • Gepostet am 20. Dezember 2020

Sechzehn Frauen am Tisch

Diesen kleinen Text habe ich für meine Freundinnen, die „Laufmädels“, geschrieben.  Er ist schon etwas älter und fiel mir beim Durchblättern meines Schreibordners in die Finger. Ich habe meinen Freundinnen nie erzählt, dass sie mich immer wieder dazu animieren, Begebenheiten aufzuschreiben. Gerade jetzt spüre ich, wie sehr sie mir fehlen. Es fehlt das unbeschwerte Zusammensein und die Inspiration, die ich durch sie erfahre.
Mädels, ich vermisse euch. Für 2021 wünsche ich mir „Sechzehn Frauen am Tisch“ zurück.

„Oh, Deine Frauen kommen?“ Mein Mann schaut mich fragend an. Ich nicke.
„Dann gehe ich heute Abend raus.“
„Schade!“ Ich hatte gehofft, er würde mir bei den Getränken helfen.
„Den Geräuschpegel hält keiner aus!“, sagt mein Mann und grinst.

Geräuschpegel? Unter diesem Aspekt hatte ich die Treffen mit meinen Freundinnen nie betrachtet. Für mich sind es liebenswerte Spektakel. Sie sind der Beweis, dass wenig nötig ist für ein paar Stunden unbeschwerten Zusammenseins: ein großer Tisch, etwas Knabberzeug, 16 Frauen und ein Gläschen Sekt. Obwohl – nicht einmal das ist zwingend notwendig. Das Feuerwerk aus Sprache und Gelächter kommt auch so in Gang.
Sie nehmen am Tisch Platz. Kaum hingesetzt, gleiten sie ohne jedes Aufwärmprogramm in die Unterhaltung sowohl mit der Tischnachbarin zur rechten als auch mit der zur linken Seite. Gleichzeitig. Das Gespräch auf der gegenüberliegenden Tischseite hat jede im Ohr, stets bereit, sich mit einem Einwurf dort einzufädeln.
Die Konzentration auf ein gemeinsames Gesprächsthema finden meine Freundinnen eher langweilig. Schöner und weitaus anspruchsvoller ist es, Dutzende von Gesprächsfäden in der Luft zu halten. Sie verweben sich, schwappen über den Tisch, lösen sich in einem Lachen auf. Es sind wahre Sprachjongleure am Werk.
Nein, leise ist das nicht, eher so, wie auf einem bunten Kindergeburtstag. Ob es das ist, was mein Mann mit Geräuschpegel meint? Ist der Schwarm zu vorgerückter Stunde ausgeflogen, wird es mit einem Schlag ruhig im Haus. Sehr ruhig.
Wenn ich wenig später im Bett liege, ist das mit dem Einschlafen nicht so einfach. Gesprächsfetzen haben sich in meinem Kopf festgesetzt. Dort sprudelt das Gespräch munter weiter. Im Halbschlaf diskutiere und debattiere ich, komme zu neuen Betrachtungsweisen, nehme mir vor, diese beim nächsten Treffen anzubringen – sowohl nach rechts, nach links, notfalls auch quer über den Tisch. Irgendwann schlafe ich dann doch ein, begleitet von dem guten Gefühl, reich zu sein.

„Ich bin dann mal weg“, ruft mir mein Mann im Hinausgehen zu. „Viel Spaß!“
Den werde ich haben, denke ich und stelle vorsorglich eine weitere Flasche Sekt in die Kühlung.

 

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6 Kommentare zu „Sechzehn Frauen am Tisch“

  1. Andrea Kreusche

    So schön geschrieben! Und Danke für den Augenblick. Es hat sich für einen Moment tatsächlich so angefühlt, als würde ich gerade mit euch zusammensitzen. Was für ein schöner Gedanke. Ich freu’ mich drauf.

  2. Liebe Karin, vielen lieben Dank, dass du uns deine Schilderungen geschickt hast. – Ja, wir sind laut, aber Krach ist das nicht.
    Die Treffen und die gemeinsamen „Durcheinandergespräche“ fehlen mir sehr.
    Allen eine schöne und frohe Weihnacht … Dago

  3. Christel Sonntag

    Liebe Karin,
    jeder Mensch an seinem Platz.
    Du kannst das in einen wunderschönen Text verfassen, was ich in meinem Herzen spüre.
    Ich hätte am liebsten weiter und weiter gelesen. Du hast mich eingefangen.!!!!
    Ich danke Dir.
    Christel

  4. Liebe Karin,
    vielen lieben Dank für deine schöne Zeilen.
    Auch ich wünsche mir für 2021 „Sechzehn Frauen am Tisch“ zurück.
    „Alles nimmt ein gutes Ende für die, die warten können!“ (Leo Tolstoi)
    In diesem Sinne wünsche ich Euch besinnliche Feiertage und einen guten Übergang ins neue Jahr, mit der Fähigkeit, sich auf Verzögerungen einzulassen und den Moment intensiv zu genießen! So ist keine Zeit verloren, sondern Lebenszeit gewonnen!
    Ich freue mich auf ein Wiedersehen in 2021!
    Liebe Grüße
    Birgit

  5. Liebe Karin,

    Dein Text trifft es genau. Wunderschön formuliert und hoffentlich bald genauso wieder…
    und wie werden wir es dann erst genießen…

    Vorher allen 15 und Ihren Liebsten ein besinnliches und trotz der schwierigen Situation schönes Fest …

    Wir sehen uns 🙋‍♀️

  6. Liebe Karin, hab tausend Dank für deinen wunderschönen, lebendigen Mitschnitt unseres klassischen Mädelsabend. Inklusive der Reaktion deines Mannes; würden unsere Männer es lesen….sie würden sich auch wiederfinden 😉
    Ich wünsche uns allen so schnell wie möglich wieder einen großen Tischmit euch. Ich hatte daran gedacht euch alle zu einem Zoom-Mädelsabend einzuladen, war aber unsicher, ob das das richtige für uns ist. Jetzt bin ich mir sicher, mit der von dir so wundervoll beschriebenen Dynamik wäre Zoom völlig überfordert. Ich habe den Gedanken schnell wieder verworfen.
    Ich freue mich schon so sehr darauf wieder mit euch allen zu quasseln und zu lachen. Wir haben ja schon immer gewusst, dass das etwas ganz besonders Wertvolles mit uns ist, aber ich finde jetzt ist es noch viel spürbarer geworden.
    Schöne Weihnachten 🎄 und liebe Grüße
    Bettina

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