Karin Kricsfalussy Effingers textfan.de
  • Gepostet am 9. November 2020

Effingers

Der Roman „Effingers“ ist mir durch Zufall in die Hände gefallen. Entdeckt habe ich das Buch, als ich vor wenigen Wochen bei meiner Lieblingsbuchhandlung vorbeischaute. Was für ein dicker Schinken, dachte ich und griff instinktiv nach dem Buch, denn dicke Schinken versprechen ein lang anhaltendes Leseglück. Der Klappentext überzeugte, da habe ich es gekauft.
Gestern bin ich auf Seite 899 angekommen. Ende. Bedrückt und nachdenklich habe ich das Buch geschlossen. „Effingers“ ist keines der Bücher, das man so weg liest, es hinterlässt Spuren.

„Effingers“ von Gabriele Tergit ist eine Familienchronik.

„Effingers“ von Gabriele Tergit ist ein Gesellschaftsroman, der in der Zeit von 1878 bis 1948 in Berlin spielt. Im Mittelpunkt steht das Schicksal der jüdischen Familien Effinger, Oppner&Goldschmidt, deren Mitglieder glühende Patrioten und Preußen sind. Der Leser begleitet die Familienmitglieder vom Bismarckschen Deutschland bis zur Hitlerdiktatur.

Tergit eröffnet einen Blick auf das gesellschaftliche Leben der wohlhabenden, kultivierten jüdischen Familien des Tiergartenviertels. Die Effingers, Oppners und Goldschmidts sind Fabrikanten, Bankiers und Kunstmäzene, deren bürgerliches Weltbild spätestens nach dem ersten Weltkrieg bröckelt. Ihre prachtvollen Feste können nicht mehr über den sich immer stärker ausbreitenden Antisemitismus in Deutschland hinwegtäuschen. Die Auflehnung der jungen Familienmitglieder gegen alte Konventionen wirbelt die gutbürgerlichen Familien zusätzlich durcheinander.

Was als beschaulicher Familienroman beginnt, wird zur fesselnden Chronik des Zeitgeschehens und des Niedergangs jüdischen Lebens in Berlin.

Das Buch von Gabriele Tergit zeigt einmal mehr die kulturprägende Bedeutung der deutschen Juden für die damaligen Gesellschaft. Sie verstehen sich als Deutsche mit jüdischem Glauben.

„Geheimrat Waldemar Goldschmidt hatte in den Tagen höchster Amtstätigkeit nicht so viele Schreiben von den Behörden bekommen wie jetzt. Es wurde dem fast Neunzigjährigen die Lehrbefugnis abererkannt, die er längst nicht mehr ausübte, „da Sie Nichtarier sind und als solcher die für die Verbreitung deutschen Kulturgutes erforderliche Zuverlässigkeit und Eignung nicht besitzen … Ich untersage Ihnen die weitere Berufsausübung als Jurist.“ Es wurde ihm der Titel eines Geheimrats aberkannt, da er „erschlichen“sei, und nur mit Rücksicht auf sein bevorstehendes Ableben sehe man von einem Strafverfahren ab. Er musste seine Orden abgeben.“

Waldemar, meine Lieblingsfigur im Roman, versteht die Welt nicht mehr. Er, der Intellektuelle, verteidigt die geistigen Verdienste deutscher Juden und ihr damit verbundenes Recht auf die deutsche Kultur. Ein Anspruch, der dem ständig wachsenden Antisemitismus nichts entgegensetzen kann.

Die Autorin ist Zeitzeugin.

Der Roman „Effingers“ ist von einer Zeitzeugin geschrieben. Gabriele Tergit, selbst Jüdin, muss ihr geliebtes Berlin 1933 verlassen. Es ist ihre eigene Familiengeschichte und die ihres Mannes Heinz Reifenberg, die sie in „Effingers“ erzählt – glaubwürdig, authentisch und vielschichtig.

In jedem Kapitel beleuchtet die Autorin eine andere Person und versetzt den Leser an verschiedene Orte. Durch diese Komposition ist die Handlung lebendig, vielstimmig und mitreißend. Tergit wählt eine klare, pointierte Sprache und besticht durch überzeugende Dialoge und historische Präzision.

Aus meiner Sicht wäre es zu kurz gesprungen, „Effingers“ als einen jüdischen Roman zu lesen. Für mich ist „Effingers“ ein Gesellschaftsroman, der den Untergang des alten Berlins zum Inhalt hat – ein Stück lebendig erzählter Zeitgeschichte.

„Es gibt keinen anderen Roman, der wie dieses Werk das untergegangene Berlin und die Welt der jüdischen Berliner rettet. Er ist von einer verstörenden Wahrhaftigkeit.“

Der Kommentar von Jens Bisky, Süddeutsche Zeitung, bringt es auf den Punkt. Ein höchst lesenswertes Buch!

Gegen das Vergessen

Mir ist es wichtig, diesem Buch heute, am 09. November, einen Platz auf meinem Blog zu geben.

Fünf Jahre nach der Machtergreifung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) brannten am 09. November 1938 jüdische Geschäfte und Synagogen. Es war der Höhepunkt der Novemberpogrome. Dabei wurden vom 7. bis 13. November 1938 etwa 400 Menschen ermordet oder in den Suizid getrieben. Über 1.400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört.

Zu was Menschen fähig sind, macht mich immer wieder fassungslos. Tergits Roman „Effingers“ hält die Erinnerung wach.

 

Über die Autorin

Gabriele Tergit (eigentlich Reifenberg, Elise, geboren Hirschmann) wurde 1894 in Berlin geboren. Sie studierte ab 1919 Geschichte und Philosophie und promovierte 1925. Ab 1915 schrieb sie Feuilletons für die „Vossische Zeitung“ und „Die Weltbühne“. Ab 1925 arbeitete sie beim „Berliner Tageblatt“ und verfasste Gerichtsreportagen.
Im März 1928 heiratete sie den Architekten Heinrich Julius Reifenberg und zog mit ihm nach Tiergarten. Ihr 1932 bei Rowohlt herausgegebener erster Roman „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ erregte Aufsehen.
1933 war sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft gezwungen, Deutschland zu verlassen. Sie emigrierte mit ihrer Familie nach Prag, ging dann nach Palästina und lebte ab 1938 in London. Im Exil beendete sie den in Berlin begonnenen Roman „Effingers“, der 1951 erschien. Von 1967 bis 1971 war Gabriele Tergit Sekretärin des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland. Gabriele Tergit starb 1982 in London

Buchinformation:

Gabrielle Tergit: „Effingers“
btb Verlag, 2020
ISBN 978 3 442 71972-3

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