Karon Kricsfalussy Geliebte Enekelin (3)
  • Gepostet am 17. März 2020

Geliebte Enkelin

Ich bin Oma. Fünf Wochen ist meine kleine Enkelin alt. Seit ihrer Geburt hat es mich in ein Meer neuer Gefühle und verschollen geglaubter Erinnerungen gespült. Bilder und Begebenheiten, die mich mit meinem Sohn, dem Vater der kleinen Erdenbürgerin, verbinden, sind wieder da – klar und nah. Dabei ist es lange her. Fast dreißig Jahre.

Die Fantasie spaziert, wirft mich hinein in Geschichten, die ich mit meiner Enkelin erleben möchte. Ich sehe sie in meiner Küche, auf einem Stuhl stehend, wie sie den Kochlöffeln mit ernstem Blick in die Schüssel taucht. Ich sehe uns in meinem Gewächshaus. Ihre kleinen Hände ernten die ersten reifen Tomaten von den Sträuchern. Sie sitzt auf meinem Schoß, ihr kleiner Körper ist warm und weich. Wir beobachten die Meisen, die in den Nistkasten ein und ausfliegen. Ich erkläre ihr, dass sie ein Nest bauen und bald Eier legen werden.
Wird es so werden? Ich wünsche es mir.

Und dann ist da dieses Buch. Eine liebe Freundin hat es mit geschenkt. „Geliebte Enkelin“ von Noëlle Châtelet. Passender kann ein Titel nicht sein, denke ich, schlage die erste Seite auf und bin im Nu eins mit der Autorin, nur dass die vieles schon erlebt hat, auf das ich so sehr hoffe.

Die Erzählung „Geliebte Enkelin“ von Noëlle Châtelet ist ein Liebesbrief. Ein Liebesbrief an ein kleines Mädchen, an die Enkelin der Autorin. Châtelet beschreibt, wie das Dasein des Kindes unbekannte Freuden und Gefühle in ihr weckt. Es treffen sich die Bilder der Vergangenheit, die beglückenden Momente der Gegenwart und zart angedeutete Blitzlichter auf die Zukunft.

„Und nun entdecke ich Schritt für Schritt, was es bedeutet, „Großmutter“ zu sein. Von Überraschung zu Überraschung tappe ich ins Unbekannte. Von Verwunderung zu Verwunderung stolpere ich über die Zeit.“

Voller Staunen erzählt Noëlle Châtelet, wie sie dank ihrer Enkelin das Leben noch einmal mit ganz neuen Augen betrachtet. Sie begibt sich in die Perspektive des Kindes, kriecht auf allen Vieren über kalte Terrassensteine, um „Necken und Abeisen“ zu beobachten. Wie Alice im Wunderland folgt Noëlle dem weißen Kaninchen und entdeckt eine neue Welt.

„Auf deine Größe geschrumpft, entdecke ich den Garten neu. Er ist nicht mehr derselbe, und dennoch ist er es. Von dort aus, wo ich bin, von unten gesehen, direkt über dem Erdboden, wirkt alles ganz anders …“

Großmutter zu sein, ist etwas Besonderes. Ich lese die Erzählung und mir wird klar, dass Noëlle Châtelet mir aus dem Herzen schreibt. Besser als ich es je könnte. Sie beschreibt eine Beziehung, getragen von Liebe und Gleichberechtigung, ohne jeden Erziehungsanspruch. Sie berichtet über das Geschenk der Zeit, die sie mit ihrer Enkelin verbringt und die Freude, das Kind bei sich zu haben. Und Châtelet sagt Wahrheiten. Ein Kind kann anstrengend sein.

„Ich bin gerädert. Die Zeit mit der Kleinen war anstrengender als Wandern, aufreibender als Schwimmen, sie hat mich erschöpft, mich ausgelaugt.[…] Ist es trotzdem eine gesunde Müdigkeit? Natürlich ist es eine gesunde Müdigkeit, eine köstliche Müdigkeit. […] Ich wende mich zu dem kleinen Schlingel um, der so tief schläft. Vielleicht habe ich die Kleine ja auch ermüdet.“

Ich bin eindeutig die Zielgruppe für diese Erzählung, diese Liebeserklärung an ein kleines Mädchen und an das Leben. Eine Liebeserklärung, die niemals kitschig wird. Feinsinnig spannt die Autorin den Bogen über die Generationen hinweg – Urgroßmutter, Großmutter, Sohn, Enkelin – fasziniert von dem großen Ganzen.

Ab jetzt halte ich im Garten Ausschau nach „Necken“ und „Abeisen“. Schließlich möchte ich auch irgendwann einmal von meiner Enkelin „Hablieb, Oma“ hören.

Über die Autorin:

Noëlle Châtelet, geboren 1944, war Dozentin für Kommunikationswissenschaften. Sie hat Romane, Erzählungen und Essays veröffentlicht. Sie erhielt den Prix Goncourt de la Nouvelle und für »Die Dame in Blau« den Prix Anne de Noailles der Academie Française. Die Gesamtauflage ihrer Bücher liegt bei über 700.000 Exemplaren. Noëlle Châtelet lebt und arbeitet in Paris.

Kurz und knapp:

Die Geburt ihres ersten Enkelkindes eröffnet für Noëlle Châtelet eine Welt neuer Gefühle und Freuden. Sensibel beschreibt Châtelet, wie das Kind heranwächst und begleitet es liebevoll.
Die Autorin erzählt die kleinen Begebenheiten, die sie mit ihrer Enkelin teilt und die die Basis für ihre besondere Beziehung sind. Châtelet spannt den Bogen über die Generationen hinweg – Urgroßmutter, Großmutter, Sohn, Enkelin. Diese Erzählung vom Glück, Großmutter zu sein, hat mich berührt und ja, meine Neugierde auf das, was da kommt, ist weiter gestiegen.
An alle Großmütter: Unbedingt lesen. Für alle anderen hat dieses Buch sicher noch Zeit.

Buchinformation

Noëlle Châtelet, „Geliebte Enkelin“
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2. Auflage 2015
https://www.kiwi-verlag.de/buch/noelle-chatelet-geliebte-enkelin-9783462044935
ISBN 978-3-462-04493-5

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