Bild zu Emile Zolas  Roman"Paradies der Damen" von 1883
  • Gepostet am 3. August 2022

Corona und das Paradies der Damen

Ich hatte fest geglaubt, es würde mich nicht kriegen. Dieses nervige Virus, das nun mehr als zwei Jahre unseren Alltag beherrscht, das uns reglementiert und den freiheitlichen Umgang miteinander einschränkt.

Dreimal geimpft und versehen mit einer Portion gesunder Vorsicht war ich mir sicher, dem Virus etwas entgegenzusetzen. Der Geruch nach Chemie und der spontane Einsatz einer gewissen Luftnot beim Aufsetzen der FFP2-Maske nervte mich zwar, ich hielt es jedoch für ein erträgliches Übel.

Mit mir nicht, Freundchen, dachte ich.

Leser und Leserinnen ahnen, dass dem Virus meine Weigerung so ziemlich an seinem gezackten Virus-Popo vorbeigegangen ist. Ich erkrankte an Corona. Zuerst kamen Halsschmerzen – ich schrieb sie einem kühlen Abend im Garten zu. Dann folgten Gliederschmerzen und Fieber. Mein Gott, dachte ich, eine Sommergrippe, kennt man ja.

„Du solltest dich testen“, sagte mein Mann. Er hat recht, dachte ich, auch wenn mir der Gedanke an fünf Tage Quarantäne nicht schmeckte. Immerhin hatte ich Konzertkarten für das kommende Wochenende und Freunde eingeladen.

Also, ab mit dem sterilen Nasenabstrichtupfer in die Nase. Schön tief, damit da wirklich etwas angezeigt werden kann. Den Nasenabstrichtupfer steckte ich dann in das Extraktionspufferröhrchen, viermal auf die richtige Einbuchtung der Testkassette getropft, dann 15 Minuten warten. Was für Wörter, nicht wahr? Nasenabstrichtupfer, Extraktionspufferröhrchen … Eine echte Freude für Sprachliebhaber.

Ich starrte auf das Ergebnisfeld, das an einen Schwangerschaftstest erinnert. Zweimal in meinem Leben hatte das Erscheinen von zwei Strichen auf dem Testkit die hellste Freude in mir ausgelöst. Jetzt empfand ich beim sofortigen Erscheinen der Markierungen Frust.

Du fragst Dich, was hat das alles auf einem Buchblog zu suchen?

Jede Menge! Ich hatte Glück, Corona erwischte mich nur leicht. Trotzdem war ich abgeschlagen und fiebrig. Lesen fiel mir schwer. Da ein Tag auf der Couch lang werden kann, entschied ich mich, es mit Hörbüchern zu versuchen. Ich stöberte nach Möglichkeiten im Internet und wurde bei WDR 5 fündig. In der Serie „Lies mir was vor“ bringt WDR 5 Klassiker der Weltliteratur zu Gehör. Vorgelesen wird von der ersten bis zur letzten Seite und als Sahnehäubchen gibt es Gespräche zu den Hintergründen und der literarischen Einordnung der Texte obendrauf.

Was für ein Zufall. Ich, die eher zeitgenössische Literatur liest, hatte schon länger vor, mir die Literaturklassiker vorzunehmen. Sie jetzt, vorsortiert und eindrucksvoll von Regina Münch gelesen, auf dem Goldtablett serviert zu bekommen, war und ist ein Glück.

Sanft glitt ich in das Jahr 1883 und in ein Pariser Modewarenhaus.

Da lag ich nun auf besagter Couch und die ersten Sätze des Romans „Paradies der Damen“ von Émile Zola ertönten. Sanft glitt ich in das Jahr 1883 und in ein Pariser Modewarenhaus.

Realistisch und detailgetreu beschreibt der Romancier und Journalist Zola das Warenhaus „Paradies der Damen“ und seinen visionsreichen Inhaber und Frauenheld Octave Mouret. Der Autor wirft einen differenzierten Blick sowohl auf die feine Pariser Gesellschaft, als auch auf die Arbeitswelt der Angestellten und Ladenbesitzer der Umgebung.

Im Zentrum der Handlung steht die junge Waise Denise. Mit ihren zwei jüngeren Brüdern kommt sie aus der Provinz nach Paris. Zunächst nimmt sie ihr Onkel auf, ein durch das neue Warenhaus „Paradies der Damen“ unter Druck geratener Textilwarenhändler. Die Geschäfte des Onkels laufen schlecht, er kann Denise und ihre Brüder nicht aufnehmen. Denise braucht dringend eine Arbeit. Ausgerechnet im „Paradies der Damen“ findet sie eine Anstellung als Verkäuferin.

Die Geschichte nimmt ihren Lauf …

und wenn ich verrate, dass sich Denise in Octave Mouret verliebt, ahne ich die Kritik – Kitsch, Märchen, heile Welt!

Bis zum Happy End ist es für Denise ein langer Weg. Der Autor nutzt den Handlungsfaden und gewährt dem Leser einen naturalistischen Einblick in die Entwicklung der ersten Kaufhäuser und die sozialen Zustände der Zeit. Wer ein wenig Liebe und famos erzähltes Zeitgeschehen mag, dem empfehle ich dieses Hörbuch, zu finden auf WDR 5.

Ihr möchtet mehr über die WDR Klassiker erfahren?

Hier der Link zu meiner absoluten Empfehlung: https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/lies-mir-was-vor/index.html

An Corona Gutes zu finden, fällt mir schwer. Ich bin froh, dass ich durch die Impfung vor einem schweren Verlauf geschützt wurde. Nichtsdestotrotz war meine Erkrankung der Impuls, Literatur in anderer Form zu genießen. Ich, die es liebt, ein Buch in der Hand zu halten, habe mir fest vorgenommen, die WDR-Klassiker durchzuhören.  Anlässe gibt es genug.

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