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  • Gepostet am 24. Februar 2019

Fräulein Nettes kurzer Sommer

In ihrem Roman „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ führt uns die Autorin Karen Duve in das westfälische Münsterland Anfang des 19. Jahrhunderts. Detailreich berichtet das Buch aus dem Leben des Freifräuleins Annette von Droste-Hülshoff. Man fragt sich, was Fräulein Nette zu diesem 580 Seiten starken Roman über die entscheidenden Jahre ihrer Jugend gesagt hätte. Warum also nicht mal nachfragen, Frau von Droste-Hülshoff?

Liebe Frau von Droste-Hülshoff, in Karen Duves Roman werden Sie als „Fräulein Nette“ durch drei Sommer begleitet. Hat Ihnen das Buch gefallen?

 „Aber ja! Ich hätte es nicht besser und amüsanter schreiben können. Da gibt es nicht viel zu kritteln. Diese Beschreibungen des Göttinger Studentenlebens, ganz wunderbar!  Ach, gerne wäre ich ein Geselle in der Poetischen Schusterinnung gewesen. Obwohl …? Die Burschen waren ein bisschen lächerlich und nicht besonders brillant, nicht wahr? Beim Lesen musste ich doch schmunzeln – wirklich sehr erheiternd. Bedauerlicherweise sind aus den meisten der jungen Herren doch nur langweilige Juristen und Beamte geworden. Auch nicht viel spannender als das Leben eines Freifräuleins …
Und dann waren da diese elendigen Kutschfahrten von einem Verwandtschaftsbesuch zum nächsten. Die beschreibt die Autorin so eindrücklich, dass einem nur vom Lesen der Hintern schmerzt und die Eingeweide im Bauch Karussell fahren.“ (Die Droste-Hülshoff verdreht gequält ihre vorstehenden Augen.)

Für Ihre Familie sind Sie eine ganz schöne Nervensäge gewesen. Zumindest wird das im Buch so beschrieben. Stimmt das?

„Wenn Sie damit meinen, dass ich mich nicht so brav und angepasst wie meine Schwester und meine Tanten verhalten habe, dann stimmt das.“ (Die Droste-Hülshoff lächelt verschmitzt.)

Brav und angepasst? Was meinen Sie damit, liebe Frau von Droste Hülshoff?

„Nun ja, ein Freifräulein stickt, strickt, musiziert und hält vor allem den Mund. Ganz besonders dann, wenn sich die Herren unterhalten. Ein ödes Leben …“

Das hört sich wirklich nicht sehr aufregend an …

„Nein, wahrlich nicht.  Gut, ich hatte eine scharfe Zunge, aber ich bitte Sie, was Männer so reden! Hin und wieder musste ich ihnen einfach ins Wort fallen.“ (Die Droste-Hülshoff ereifert sich und errötet leicht.)

Würden Sie sagen, dass Sie nicht in die damalige Zeit passten?

„Wahrscheinlich nicht. Das hat die Frau Duve doch ganz wunderbar in ihrem Roman beschrieben. Meine Familie fand mich seltsam. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, sie denken, ich bin verrückt.“

Verrückt? Liebe Frau von Droste-Hülshoff, das müssen Sie uns erklären! Immerhin sind Sie eine der, wenn nicht die bekannteste deutsche Dichterin. Keiner würde heute behaupten, Sie wären verrückt!

„Sehen Sie es mal so: Da verschwindet ein hochwohlgeborenes Fräulein von Droste-Hülshoff morgens mit dem Hammer in den Wald, um Mineralien zu sammeln. Ihre Rocksäume waren deshalb immer verschmutzt, so etwas ziemte sich nicht für ein Freifräulein. Auch war sie schrecklich dünn und immer kränklich. Was rannte sie also in aller Herrgottsfrühe draußen im Wald herum? Und dann ihre Gedichte, die waren oft so abgründig, dass sie sie, nachdem die lieben Verwandten sie gelesen hatten, nicht einmal mehr der Großmutter zum Geburtstag schenken durfte. Für die damaligen Gepflogenheiten habe ich mich wirklich merkwürdig benommen. Und von merkwürdig bis verrückt war es in dieser Zeit kein weiter Weg. Ach, es war ein nie enden wollender Kampf. Meine Familie wurde nicht müde, mich auf den mir zustehenden Platz zu verweisen.“ (Die Droste-Hülshoff seufzt.)

Eine besondere Rolle in Ihrem Leben spielte Ihr Onkel, der nur fünf Jahre ältere August von Haxthausen. Wie stand er zu Ihrer Dichtkunst?

„Zu anfangs unterstützte August mein dichterisches Tun.  Später ließ er jedoch keine Gelegenheit aus, mich in übelster Art und Weise zu kritisieren. Na ja, er hatte sich sein Leben wohl auch anders vorgestellt. Sein schönes Studium in Göttingen musste er aufgeben und die Verwaltung der Güter übernehmen. Herkunft verpflichtet! Durch August habe ich Kontakt zu einigen Göttinger Studenten bekommen – vor allem zu den Grimms, den malenden wie den märchensammelnden.“

Sie nennen hier die Gebrüder Grimm, aber da war doch noch ein anderer junger Mann, der in Ihrem Leben eine Rolle spielen sollte?

„Ich wusste, dass Sie mich darauf ansprechen würden! Sie meinen den lieben, bitterarmen, unansehnlichen Straube. Der einzige Mensch, der mein Talent erkannt und meine Dichtkunst verstanden hat. Zwischen uns herrschte ein stilles Einverständnis. Ich bin mir sicher, es war Liebe …“ (Die Droste-Hülshoff schnäuzt diskret in ihr weißes Spitzentaschentuch. Ihre wässrig blauen Augen füllen sich mit Tränen.)

Liebe Frau von Droste-Hülshoff, ich möchte nicht indiskret sein – jeder weiß, dass Sie nie geheiratet haben –, aber wäre Straube nicht ein Heiratskandidat gewesen?

„Aber nein, unmöglich! Haben Sie das Buch nicht aufmerksam gelesen? Da steht es drin, haarklein. Straube heiraten – ausgeschlossen! Er war arm wie eine Kirchenmaus, bürgerlich und zu allem Unglück auch noch ein Protestant. Eine Verbindung mit Straube? Undenkbar. Und dann noch die Sache mit Arnswaldt … (Die Droste-Hülshoff bricht erschrocken ab.)

Arnswaldt?

„Oh bitte, quälen Sie mich nicht. Über die größte Katastrophe meines Lebens möchte ich wirklich nicht mehr sprechen. Wofür hat Frau Duve diesen exzellenten Roman geschrieben? “

Sie haben Recht, liebe Frau von Droste-Hülshoff, verweisen wir doch den geneigten Leser auf das Buch. Bitte verzeihen Sie mir mein mangelndes Feingefühl. (Die Droste-Hülshoff nickt gnädig.)

Eine Frage zum Schluss: Sie sagten zum Anfang unseres Gespräches, dass es nur wenig zu kritteln gäbe. Gibt es etwas, was Sie an dem Roman „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ vermissen?

„Ja! Ich möchte wirklich nicht als eitel erscheinen, aber über das, was ich persönlich in dieser Zeit geschrieben, was ich gelesen und was mich inspiriert hat, wird in diesem Buch kaum berichtet. Dabei war es meine Dichtkunst, die mich durch die Tragik dieser drei Sommer getragen hat.“

Hier endet unser kurzes Interview mit der berühmten Dichterin der Spätromantik. 

 

Kurz und knapp:

Karen Duve taucht ein in die verschworene Gemeinschaft junger Studenten in Göttingen und schreibt detailreich über deren Sendungsbewusstsein und romantische Deutschtümelei.  Der Leser begleitet Annette bei ihren Routinebesuchen der Verwandtschaft. Fast ist es, als säße man mit in der Kutsche, wenn Nette durch Schlamm, Schlaglöcher und Dauerregen geschüttelt wird, um irgendwann reisekrank in einer zugigen Burg anzukommen. Die junge Annette führt ein von festen Ritualen geprägtes Leben mit nur wenigen Freiheiten. Wann ist Annette von Droste-Hülshoff überhaupt je zum Schreiben gekommen?

Annette kämpft den ewigen Kampf einer klugen Frau, die auf ihre vermeintlich gottgegebene Aufgabe reduziert wird, meistens von Männern, die deutlich weniger brillant sind als sie. Als sich das Freifräulein zaghaft in den bettelarmen Literaten Straube verliebt, beginnt der Spießrutenlauf in der Familie. Auch der schöne August von Arnswaldt bemüht sich um die junge Frau mit der wunderlichen Ausstrahlung. Das jedoch nicht ohne Hintergedanken. Für Annette endet der Sommer in einer Katastrophe.

Vom dichterischen Genie Annettes hätte man im Roman gerne etwas mehr erfahren. Das ist vielleicht das Einzige, was man an Karen Duves gelungenem Zeit- und Gesellschaftsporträt vermissen kann.  Alle Begebenheiten sind genauestens recherchiert, das umfangreiche Literaturverzeichnis im Anhang belegt dies.

Der Roman ist ein echter Schmöker, der trotz aller Dramatik für die Droste-Hülshoff stets unterhaltsam und munter bleibt. Für das Verständnis ist keinerlei geschichtliches Vorwissen notwendig.  Das Buch ist auch für solche Leser geeignet, die sich in der Schule mühsam durch die „Judenbuche“ quälen mussten. Spätestens nach diesem Lesegenuss werden sie das seltsame westfälische Freifräulein ins Herz geschlossen haben.

 

Buchinformation

Karen Duve „Fräulein Nettes kurzer Sommer“

Verlag Galiani Berlin, 8. Auflage 2018

ISBN 978-3-86971-138-6

 

 

 

 

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