Karin Kricsfalussy Raupe Nimmersatt 200818
  • Gepostet am 18. August 2020

Die kleine Raupe Nimmersatt

Die Bilderbücher meiner Kinder habe ich aufgehoben. Ich dachte mir, wer weiß, irgendwann kommen die abgeliebten Papierschätze wieder zum Einsatz. Abgeleckt und angebissen, die Seiten geknickt, manchmal gerissen, dann von mir mit Tesafilm geklebt, Kakaoflecken. Geschichten in meiner Geschichte. Meiner Geschichte als Mutter.

Kein Abend ohne Bilderbuch

Meine Kinder haben es geliebt und ich auch. Eingemummelt in eine Decke, fest aneinandergeschmiegt, landeten wir auf einer sicheren Insel der Geborgenheit. Von hier aus durchlebten wir, gemeinsam mit unseren Bilderbuchhelden, die größten und gefährlichsten Abenteuer, haben geschaut, gelesen, gelacht und begriffen. Kein Abend ohne „Pettersson und Findus“, „Pippi Langstrumpf“, „Michel aus Lönneberga“, Helme Heines „Freunde“ oder „Millie“. Nicht zu vergessen „Bobo Siebenschläfer“, „Die Häschenschule“ und „Conni“, um nur einige zu nennen. Und natürlich „Die kleine Raupe Nimmersatt“, die ich mir heute aus dem Regal genommen habe.

Aus einem kleinen, weißen Ei schlüpft eine Raupe mit grünem Körper, einem roten Kopf und einem schier unbändigen Appetit. Nichts ist vor ihr sicher, in alles, was ihr in die Quere kommt, frisst sie ein Loch.

Das ist die Handlung des Kinderbuchklassikers „Die kleine Raupe Nimmersatt“ von Eric Carle, erschienen im Verlag Gerstenberg – 24 Pappseiten Entdecker- und Leseglück für Kinder ab drei Jahren. Jede der stabilen Seiten hat mindestens ein Loch, denn da hat sich unsere kleine Raupe Nimmersatt hindurchgefuttert. So knuspert sich der liebenswerte Vielfraß durch Äpfel, Birnen, Erdbeeren und viele andere Leckereien und taucht auf der Rückseite wieder auf. Was hat das Tierchen für einen immensen Hunger? Jeden Tag vermag es mehr zu fressen.

Die Zeichnungen von Eric Carle strahlen, sind anregend und bringen Fröhlichkeit in den trübsten Tag. Wirken, als seien sie mit Ölfarben und einem dicken Pinsel in groben Strichen auf das Papier gebracht worden. Dann wieder scheinen sie aus zerrissenen, zerschnittenen und zusammengefügten Schnipseln zu bestehen. Eric Carles Illustrationen sind Collagen. Wie sie entstehen, zeigt ein Youtube-Beitrag des Gerstenberg Verlags, auf den ich bei meiner Recherche gestoßen bin – interessant und sehenswert.

Hier kann man was lernen!

„Die kleine Raupe Nimmersatt“ ist lehrreich. Kinder lernen verschiedene Obstarten und Lebensmittel kennen, arbeiten sich mit der Raupe durch die Wochentage und üben nebenbei das Zählen.

„Am Montag fraß sie sich durch einen roten Apfel, aber satt war sie noch immer nicht. Am Dienstag fraß sie sich durch zwei grüne Birnen, aber satt war sie noch immer nicht …“

Die kleine Raupe verwandelt sich in eine ziemlich dicke Raupe, aus der zum Schluss ein strahlend bunter Schmetterling wird. Meine Tochter klatschte auf der vorletzten Seite vor Freude und Aufregung in ihre kleinen Händchen.

„Dann knabberte sie sich ein Loch in den Kokon, zwängte sich nach draußen und …“

Spannung! Langsam schlug ich die Seite um.

„… war ein wunderschöner Schmetterling!“, riefen meine Kinder. Die Faszination dieser letzten zwei Seiten ist lange geblieben. Abend für Abend, immer der gleiche Ablauf. Langweilig? Meine Kinder fanden es toll. Ich dann irgendwann nicht mehr, zumal meine Kinder für frei erfundene Ergänzungen oder Veränderungen – und sei es nur ein klitzekleines Wort – nicht das geringste Verständnis hatten. Gnadenlos wurde ich auf meine „Fehler“ hingewiesen. Sie zeigten mit ihren kleinen dicken Fingern auf die Worte, die sie doch gar nicht lesen konnten, und verlangten, dass ich noch mal von vorne anfangen solle. „Rischtisch, Mama!“

„Die kleine Raupe Nimmersatt“ hat einen zeitlosen Charme – das muss man diesem Klassiker unter den Bilderbüchern lassen. Kaum vorstellbar, dass das Buch 1969 erschienen ist und damit schon über fünfzig Jahre Kinder, Eltern, Tanten, Onkel und Großeltern erfreut.

Über den Autor Eric Carle

Eric Carle wurde 1929 in Syracuse, New York, geboren. Seine Schul- und Studienzeit verbrachte er in Deutschland und kehrte 1952 in die USA zurück. Er lebt in Florida und North Carolina. Seit 1968 veröffentlicht er Kinderbücher, die in über 70 Sprachen übersetzt sind und mit vielen Preisen ausgezeichnet wurden. 2002 eröffnete er sein großes Museum für internationale Bilderbuchkunst, The Eric Carle Museum of Picture Book Art in Amherst, Massachusetts.

 

Irgendwann kommen die abgeliebten Papierschätze wieder zum Einsatz, auch die „Kleine Raupe Nimmersatt“. So wie es aussieht, werde ich Recht behalten. Ich bin jetzt Oma und auf Lesespaß jeglicher Art vorbereitet.

Buchinformation

Eric Carle „Die kleine Raupe Nimmersatt“

Verlag Gerstenberg

ISBN 978-3-8369-5857-8

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